06.12.2021

Gastronomen befürchten einen "Lockdown durch die Hintertür"

Auf und Ab von Schließungen und Auflagen für die Gastronomie hört nicht auf.

Von Max Rieser

Schriesheim. Das Auf und Ab von Schließungen und Auflagen für die Gastronomie hört nicht auf. 2G-plus ist die Maßnahme der Stunde, um die explodierenden Corona-Infektionszahlen in den Griff zu bekommen. Viele Gastronomen befürchten einen Lockdown durch die Hintertür. Dass für diejenigen, die schon die dritte Impfung erhalten haben oder deren Vollimmunisierung beziehungsweise Genesung noch keine sechs Monate her ist, der Test wegfällt, ist nur ein kleiner Trost. Die RNZ hat sich umgehört.

> Wirtshaus im Mühlenhof: Inhaber und Koch Jürgen Opfermann ist einigermaßen fassungslos: "Mit 2G-plus können wir eigentlich zu machen, das ist nicht mehr umsetzbar." Schon bei 2 G sei der Aufwand riesig und es gäbe immer wieder Ungereimtheiten, zum Beispiel ältere Gäste, die keinen digitalen Impfausweis haben und die er theoretisch abweisen müsste. Generell sei das Scannen der Zertifikate schwierig, da die Internetverbindung im Wirtshaus alles andere als stabil sei. Außerdem müsste jede Schicht eine Person mehr arbeiten, um die Ausweise zu prüfen, das koste Geld. Nachdem das Geschäft wieder Fahrt aufgenommen hatte, werden immer mehr Feiern abgesagt, die das Hauptgeschäft Opfermanns sind. Weihnachtsfeiern fänden fast keine mehr statt, und auch die Weihnachtsfeiertage, an denen das Lokal bereits ausreserviert war, wackeln. Der Wirt sagt, dass er die Unsicherheit der Leute verstehe. Was er aber nicht verstehe, sei, dass die Politik die Verantwortung einfach nach unten abgeben würde. Durch die neue Regel würde das Geschäft praktisch ausbleiben. Wenn man dann Entschädigungsforderungen stellen würde, könne immer gesagt werden: "Warum? Ihr dürft doch aufhaben", schätzt Opfermann ein. Die uneinheitlichen Regeln seien im "Drei-Länder-Eck" ärgerlich, da die Leute zunehmend verunsichert über die herrschenden Verordnungen seien. Dass "geboosterte" Gäste ohne Test kommen dürfen, sei zwar ein Vorteil, da viele schon die dritte Impfung hätten, wirklich ins Gewicht würde es aber nicht fallen.

> Gasthaus zum Goldenen Hirsch: "Das kann ja wohl nicht wahr sein", zeigt sich Restaurantleiter Michael Adamietz sauer. Auch beim "Hirsch" sind "alle Weihnachtsfeiern raus." Das normale Geschäft lief auch hier in letzter Zeit gut. Die 2G-Regel sei gut kontrollierbar gewesen, vor allem, weil die meisten Gäste ihre Nachweise unaufgefordert vorgezeigt hätten. Adamietz befürchtet eher die Hürde, sich nun auch noch zusätzlich testen zu müssen. Optimistisch will er trotzdem bleiben: "Wir müssen es nehmen, wie es kommt, und dann liefern wir halt wieder", prophezeit er resigniert. Am Sonntag hätten die Abholungen schon angezogen, ins Restaurant war nur ein einziger Gast gekommen. Mit dem Testzentrum der Praxis im Dok:Tor habe er schon gesprochen und man habe signalisiert, möglicherweise abends etwas länger zu öffnen, um mehr Tests zu ermöglichen.

> Weinstube Müller: 2G habe klare Verhältnisse geschaffen und sich nicht sehr auf den Betrieb ausgewirkt, berichtet Inhaberin Martina Müller. Die abgesagten Weihnachtsfeiern hätten in der Weinstube eher von den steigenden Infektionszahlen gerührt. Bei den zusätzlichen Tests befürchtet auch sie massive Einbußen, da auch die "treuen Gäste" schon angekündigt hätten, dass sie dann nicht mehr kommen. Man fühle sich, als würde die Politik einen "am langen Arm verhungern" lassen, findet Müller, denn Hilfen seien vorerst nicht angekündigt und die Planungssicherheit fehle: "Ich weiß nicht, was ich den Leuten sagen soll, die reservieren möchten, da ich nicht weiß, welche Regeln nächste Woche dazukommen." Die Leute seien zwar verhalten, aber dass etwa die "Geboosterten" ohne Test kommen dürfen, sei ein großer Vorteil: "Ich bin überrascht, wie viele schon zu dritten Mal geimpft sind", sagt Müller. Für die Weihnachtsfeiertage seien sie und auch die Gäste noch optimistisch, dass alle kleinen Familienfeiern stattfinden könnten. Die Größeren wurden schon alle abgesagt.

> Weinstuben Hauser: Für die Weinstuben sei es das gleiche wie ein Lockdown, schätzt Inhaber Ernst Schmitt ein. Das Problem sei nur: "Das ist ein versteckter Lockdown, damit die Politik nicht einspringen muss." Wenn jemand spontan "Appetit auf ein Gläschen Wein" bei ihm hätte, müsste er erst zum Testen und dann in die Wirtschaft. Diese Hemmschwelle sei viel zu hoch. Wie Opfermann bemängelt auch er, dass für die Kontrolle der Nachweise bisher immer eine Kraft mehr arbeiten musste, um den Betrieb reibungslos ablaufen zu lassen. Gleichzeitig würde niemand einen Rabatt bei der Gewerbesteuer oder der Pacht anbieten: "Das ist unfair gegenüber den Gastronomen." Weihnachtsfeiern, die weit bis in den Januar angekündigt waren, würden am "laufenden Band" abgesagt. Durch die Sonderregelung für Drittgeimpfte wären die meisten nur noch mehr verunsichert worden. Einen Vorteil für das Geschäft gebe es dadurch nicht. Was ihn zusätzlich ärgert: "Die Ungeimpften lachen sich kaputt über uns", denn eigentlich habe man gehofft, durch die Impfungen nicht mehr zu den Tests zurückkehren zu müssen. Der Wirt bleibt aber unerschütterlich: "Wir hoffen das Beste und machen auch das Beste draus."

> Neues Ludwigstal: Betreiber Werner Kraemer berichtet ebenfalls von abnehmenden Besuchen im Restaurant. Er befürchtet, dass nun auch die letzten Weihnachtsfeiern abgesagt werden. Für ihn sei 2G-plus ein "Lockdown durch die Hintertür." Die Politiker würden sich "winden", um diesen Schritt nicht zu gehen, da sie versprochen hätten, nicht wieder alles zu schließen. Das sei eine reine Sparmaßnahme auf dem Rücken der Gastronomen.

> La Scala: Michael Lagana, Inhaber der Pizzeria am Sportzentrum, sagt, dass schon 2G zu einem erhöhten Ausbleiben der Gäste geführt habe. 2G-plus befeuere diese Entwicklung wahrscheinlich, schätzt er ein: "Das ist schrecklich", sagt er frustriert. 99 Prozent der Veranstaltungen im Dezember seien schon abgesagt. Um wenigstens etwas Umsatz zu generieren, soll bald der Lieferservice wieder ins Leben gerufen werden.

> La Perseria Mashti: Reza Houdeh-Ashtiani sagt: "Für uns ist das ganz schlimm." Man dürfe zwar auflassen, das habe aber keinen Zweck. Schon mit 2G wären alle Weihnachtsfeiern abgesagt worden. So würde dann auch das Tagesgeschäft ausbleiben, befürchtet er. In der Perseria werde schon über verkürzte Öffnungszeiten nachgedacht.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung