12.12.2021

Echte Arbeitstiere: Wenn es im Wald schwierig wird, muss "Fichte" ran

Zwei Schwarzwälder Füchse sind in der Region als Arbeitspferde im Einsatz. Die Kaltblüter brauchen Beschäftigung.

Von Axel Sturm

Ladenburg/Schriesheim. Im Jahr 1950 gab es in Ladenburg noch 180 Arbeitspferde, die in der Landwirtschaft eingesetzt wurden. 20 Jahre später - als in fast allen landwirtschaftlichen Betrieben bereits Landmaschinen genutzt wurden – sank die Anzahl der Pferde auf 19. Heute sind im gesamten Rhein-Neckar-Kreis nur noch wenige Arbeitspferde im Einsatz.

Pferdeliebhaber und Baumschuleninhaber Andreas Huben hat zwei kräftige Vierbeiner im Stall stehen: Die Schwarzwälder Füchse Flora und Fichte, die auf den Feldern um Ladenburg, aber auch im Schriesheimer Wald ab und an im Einsatz sind. Die Schwarzwälder Kaltblutrasse war um 1900 wegen ihrer Robustheit und Stärke in den Höhen des Schwarzwaldes das ideale Arbeitspferd. Um 1970 war die Rasse fast ausgestorben – seither haben Pferdefreunde wie Andreas Huben den Fortbestand dieser alten Rasse im Auge.

Um die beiden Arbeitspferde kümmert sich Mitarbeiter Michael Lehrian, der zu Flora und Fichte ein ganz enges Verhältnis hat. Im März gab es Zuwachs, jetzt steht auch Fohlen Fuchsia in der Koppel. Und weil sie Gesellschaft braucht, wurde kurzerhand mit Pinie ein weiteres Fohlen dazugekauft. Noch sind die beiden "Nachwuchskräfte" zu jung, um sie auf Arbeitseinsätze vorzubereiten. Daher können sie noch rund drei Jahre ihre Pferde-Kindheit genießen, bevor auch für Fuchsia und Pinie der Ernst des Lebens beginnt.


Weil die Kaltblüter Beschäftigung brauchen, wurde die 1999 geborene Flora in der Baumschule zum Pflügen und Mähen eingesetzt. Auf den Buchsfeldern ist eine maschinelle Bearbeitung des Bodens eher problematisch – daher wird in Ladenburg noch die alte landwirtschaftliche Methode des Umpflügens mit dem Pferde angewendet. Fichte, die 2005 das Licht der Welt erblickte, kommt hingegen im Schriesheimer Wald zum Einsatz. Immer, wenn gefällte Bäume im schwer zugänglichen Gelände aus dem Wald gezogen werden müssen, schlägt ihre Stunde.

Dass der starke Vierbeiner in Ladenburg noch im Stall stehen kann, ist der Tochter von Michael Lehrian zu verdanken. Weil das Fohlen nicht rassetypisch war, sollte es eigentlich abgegeben werden. Adisa ließ nicht locker und überzeugte Andreas Huben, dass ihr Papa aus Fichte ein gutes Arbeitspferd machen wird. Und der steckte viel Arbeit in die Ausbildung nach vier Jahren bestand Fichte die Zug-Leistungsprüfung zum Rückepferd.

Lehrian musste eine Prüfung zum "Fuhrmann zum Rücken" ablegen: Seither wird das Paar immer wieder angefordert, wenn Waldarbeiten anstehen. "Müdigkeit kennt Fichte nicht - die ist so ehrgeizig, dass sie keinen einzigen Stamm im Wald liegen lässt", erzählt Lehrian, der vor 25 Jahren seinen Beruf als Maschinenschlosser aufgab, um sich in der Baumschule Huben um die Pferde zu kümmern. Er arrangiert aber nicht nur die Arbeitseinsätze von Flora und Fichte, sondern ist rund um die Uhr für seine beiden Lieblinge da. "Ich bin Tag und Nacht erreichbar", erzählt Lehrian, der erst kürzlich einen Sonntagseinsatz mit der Schriesheimer Tierärztin Miriam Beverungen hatte, weil Fichte ein Darmproblem plagte.

Seine Frau Barbara akzeptiert, dass sich ihr Mann noch um zwei weitere "Frauen" im Haus kümmert, denn Fichte und Flora gehören längst zur Familie. Gemeinsam auf der Koppel leben die beiden Kaltblüter allerdings nicht. "Beide haben ihren eigenen Kopf – die brauchen Abstand voneinander", erzählt der Pferdeexperte. Um so erstaunlicher ist es, dass sich beide gemeinsam gerne vor die Kutsche spannen lassen. Schwarzwälder Füchse eignen sich nämlich hervorragend als Fahrsportpferde. Immer wieder sieht man das Zweigespann auf Ladenburger Gemarkung durch die Gegend fahren.

Überhaupt reagieren die Menschen überrascht, wenn sie die Pferde beim Holzrücken im Wald oder beim Pflügen auf der Buchs-Plantage sehen. Ältere Ladenburger erinnern sich dann an ihre Kindheit, denn bis in die 1960er-Jahre war es normal, dass auf den Feldern Arbeitspferde im Einsatz waren. In die Fußstapfen seines Vaters ist mittlerweile Viktor Lehrian getreten. Auch er hat das Vertrauen von Flora und Fichte gewonnen und kümmert sich außerdem um Fuchsia und Pinie, die die Mutter und Oma eines Tages als Arbeitspferde ablösen sollen. "Schwarzwälder Füchse können recht stur sein – aber wenn man ihr Vertrauen gewonnen hat, dann machen sie fast alles mit", erläuterte Lehrian, der zu Flora ein besonderes Verhältnis hat.

Manchmal ist sie so anhänglich, dass sie ihn auf Schritt und Tritt begleitet. Als Lehrian jüngst im Café seines Arbeitgebers seinen Milchkaffee trinken wollte, war Flora davon gar nicht begeistert. Auf seinen Kaffee wollte er aber nicht verzichten. Und so nahm der "Pferdeflüsterer" Flora kurzerhand mit, um gemeinsam an der Theke ein Getränk einzunehmen. Das ist zwar eine Ausnahme - aber "Flora" ging danach viel motivierter ihrer Arbeit nach.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung