14.12.2021

Deutliche Zäsur: Winzergenossenschaften Schriesheim und Heppenheim wollen kooperieren

Deutliche Zäsur: Winzergenossenschaften Schriesheim und Heppenheim wollen kooperieren

Die Winzer-Genossenschaften Schriesheim und Heppenheim wollen kooperieren. Das gaben am Montag deren Vertreter der Presse bekannt: (v.l.) aus Schriesheim Aufsichtsratsvorsitzender Winfried Krämer und Geschäftsführer Manuel Bretschi, aus Heppenheim der Geschäftsführende Vorstand Patrick Staub, Vorstandschef Reinhard Antes und Aufsichtsratsvorsitzender Bernhard Boppel. Foto: Peter Dorn
Seit Jahresbeginn loten die beiden Genossenschaften die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit aus. Wie diese aussehen könnte, ist noch immer offen.

Von Carsten Blaue

Heppenheim/Schriesheim. Die Bergsträßer Winzer eG (BWeG) im südhessischen Heppenheim und die Schriesheimer Winzergenossenschaft (WG) an der badischen Bergstraße loten seit Jahresbeginn Möglichkeiten einer künftigen Zusammenarbeit aus. Wie diese aussehen wird und ob am Ende dieses Prozesses eine Fusion steht, ist noch offen. "Das muss gar nicht unbedingt sein. Kooperationsmodelle sind auch möglich. Wir stehen ganz am Anfang", sagte der Geschäftsführende Vorstand der BWeG, Patrick Staub, am Montag beim Pressetermin der Gremiumsspitzen beider Genossenschaften in Heppenheim. Vieles deutet vor allem für die Schriesheimer auf eine deutliche Zäsur hin.

Diese lassen ihre Weine bislang beim Badischen Winzerkeller (BWK) im rund 200 Kilometer entfernten Breisach am Rhein ausbauen. Trauben und Most werden in Lastwagen dorthin transportiert. Das sei "ein Stück weit nicht mehr zeitgemäß", sagte WG-Aufsichtsratschef Winfried Krämer. Jetzt stehe eine "nachhaltige regionale Produktion" im Zentrum der Überlegungen, wie es hieß. Sprich: der Ausbau der Schriesheimer Weine künftig in Heppenheim. Dazu sagte Staub: "Das würde vom Volumen her gehen. Es müsste geplant werden, wäre aber machbar."

Fest steht, dass es kleine Erzeuger am Weinmarkt immer schwerer haben und nach Möglichkeiten suchen, Synergien zu nutzen und Kosten einzusparen – sei es durch die bestmögliche Auslastung ihrer Produktionskapazitäten, die gemeinsame Verwaltung oder Vermarktung. Krämer sah sogar den satzungsgemäßen Auftrag zu diesen Überlegungen: "Zum Wohl unserer Mitglieder müssen wir Zukunftsperspektiven entwickeln."

Dabei wollen BWeG und WG gemeinsam zwar keine Zeit verlieren. Getriebene sind beide Unternehmen aber nicht: "Es geht uns noch gut", so Krämer. "Und so soll es bleiben." Außerdem müsste beim Zeithorizont auch das Genossenschaftsrecht beachtet werden. Und nicht zuletzt steuerrechtliche Fragen hätten einen Einfluss auf die Art der Kooperation.

WG-Geschäftsführer Manuel Bretschi verlas eine Stellungnahme. Demnach hätten beide Genossenschaften gemeinsam eine Machbarkeitsstudie beim Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband in Auftrag gegeben, welche die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit darstellen soll. "Ergebnisoffen", wie auf Nachfrage betont wurde. Resultate sollen im Herbst 2022 vorliegen. In der Stellungnahme steht auch, beide Betriebe würden sich auf "Augenhöhe" begegnen. Tatsächlich ist die BWeG der deutlich größere Betrieb (siehe Kasten) und verfügt eben anders als die WG über einen eigenen Keller.

Hessen? Baden? Völlig egal!

Heppenheim hat seit Jahrzehnten auch Mitglieder auf badischer Seite. In Weinheim-Lützelsachsen treffen sich die Einzugsbereiche beider Genossenschaften. Weiter hoch nach Norden (oder gar nach Hessen) geht es für die Schriesheimer WG nicht. Südlich dehnt sie sich bis vor die Tore Heidelbergs aus. Die BWeG hat auch in Groß-Umstadt noch Mitglieder.

Mit dem Deutschen Weingesetz im Jahr 1971 wurde die Bergstraße geteilt. Die hessische Bergstraße wurde ein eigenes Weinbaugebiet, der baden-württembergische Teil dem Anbaugebiet Baden zugeschlagen. Beide gehören sogar zu unterschiedlichen europäischen Weinbauzonen. Solche Trennungen sind für die Weinwerbung und für das Tourismusmarketing aber völlig egal – im Unesco-Geopark Bergstraße-Odenwald sind Schriesheim und Heppenheim schon vereint. Das Klima ist gleich, das Terroir und Qualitätsstreben sind es auch. "Und wir haben die gleichen Herausforderungen", so BWeG-Vorstandschef Reinhard Antes. Zum Beispiel Flächenverluste durch Umweltschutz und Nachwuchssorgen, die teils schwierige Topografie, Änderungen im Weinrecht, der Kampf um die Kunden und "zu wenig Flurbereinigungen". Zudem forcieren beide Genossenschaften den Anbau pilzwiderstandsfähiger Sorten, sogenannter Piwis. Antes betonte auch, dass der Ausbau weiterer badischer Trauben im hessischen Keller rein rechtlich kein Problem wäre. Diese "Brücke" zum Weinbaugebiet "Bergstraße" gebe es ja schon seit den Fünfzigerjahren.

Schriesheim hätte länderübergreifende Fragen umgehen können, wenn das Gespräch mit der "Winzer von Baden" eG in Wiesloch gesucht worden wäre. "Das ist eine Option gewesen", sagte Bretschi. "Aber die Strukturen in Heppenheim passen besser zu uns." Auf RNZ-Anfrage sagte der Vorstandschef der Wieslocher Genossenschaft, Werner Bauer: "Ich weiß seit sechs Monaten, dass da etwas im Gespräch ist." Auch mit seinem WG-Kollegen, Karlheinz Spieß, habe er darüber gesprochen. "Ich habe gesagt, wir könnten ja auch mal unverbindlich miteinander reden. Aber aus Schriesheim hieß es, man wolle sich erst mal in die andere Richtung konzentrieren. Das tut uns leid. Wir hätten die Kapazitäten auch noch gehabt."

Eine RNZ-Anfrage zu den Schriesheimer Plänen wollte der BWK am Montag nicht beantworten. Dessen künftige "Kernkompetenz" für Weine von der Bergstraße soll auf dem bundesweiten Vertrieb liegen. Krämer verwies auf "Umstrukturierungen" in Breisach. Andere Winzer sagen, es gehe dort drunter und drüber. Erst sorgte die Kündigung von Kellermeister Jörg Wiedemann für einen Aufschrei, dann hört man, dass die Produktionskapazitäten längst nicht mehr ausgereizt seien, und jetzt ist der BWK zum Jahresende auch noch bei der Badischen Weinwerbung ausgestiegen. Und Schriesheim, Aktivposten der Breisacher in Badens Norden, sucht sich einen neuen Partner. "Wir wollen aber keinen Bruch", unterstrich Krämer.

Was am Ende zwischen WG und BWeG herauskommt, würden sowieso alleine die Mitglieder der beiden Genossenschaften entscheiden, betonten am Montag alle. "Aber ich sehe da keine Opposition unter den Winzern", sagte Antes. Auch Krämer hatte das Gefühl, "dass die Winzer mitgehen, was wir vordenken".

Schriesheim
> Mitglieder: 190 (davon mit Fläche: 99)> Betriebe im Haupterwerb (10-50 Hektar): 10
> Betriebe im Nebenerwerb: (4,5-9 Hektar): 10
> Betriebe im Zuerwerb (bis zu 4,5 Hektar): 30
> Hobby-Winzer (unter 1 Hektar): 215
> Mittlere Betriebsgröße: 1,36 Hektar
> Rebfläche: 127 Hektar
> Ertragspotenzial: 1 Million Liter
> Einzellagen: 6
> Absatzmenge in Eigenvermarktung: 0,55 Millionen Liter
> Umsatz: 2,47 Millionen Euro
> Umsatz pro Hektar: 14.700 Euro
> Bilanzsumme (2020): 3,1 Millionen Euro
> Bilanzsumme (2020) pro Hektar: 12.112 Euro
> Mitarbeiter: 9,5
> Abliefergebiet: von Lützelsachsen bis Heidelberg.
> Abfüllort: Breisach (Badischer Winzerkeller)
> Wichtigste Rebsorten: Spätburgunder 22%, Riesling 18%, Müller-Thurgau 14%, Weißburgunder: 10%, Grauburgunder: 8%, Silvaner: 3%.

Heppenheim
> Mitglieder: 353 (mit Fläche: 166)
> Betriebe im Haupterwerb (10-50 Hektar): 8
> Betriebe im Nebenerwerb: (4,5-9 Hektar): 5
> Betriebe im Zuerwerb (bis zu 4,5 Hektar): 21
> Hobby-Winzer (unter 1 Hektar): 319
> Mittlere Betriebsgröße: 1,6 Hektar
> Rebfläche: 253 Hektar
> Ertragspotenzial: 1 Million Liter
> Einzellagen: 19 (davon 6 in Baden)
> Absatzmenge in Eigenvermarktung: 1,5 Millionen Liter
> Umsatz: 6,1 Millionen Euro
> Umsatz pro Hektar: 24.000 Euro
> Bilanzsumme (2020): 7,5 Millionen Euro
> Bilanzsumme (2020) pro Hektar: 28.900 Euro
> Mitarbeiter: 36,5
> Abliefergebiet: von Zwingenberg bis Lützelsachsen.
> Abfüllort: Heppenheim (Bergsträßer Winzer)
> Wichtigste Rebsorten: Riesling 38%, Spätburgunder 17%, Grauburgunder: 11% Müller-Thurgau 6%, Roter Riesling: 5% Weißburgunder: 2%. hö

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung