21.12.2021

Drei Hebammen machen gemeinsame Sache

Drei Hebammen machen gemeinsame Sache

Die Hebammen (v.l.) Inge Buchleiter (66), Svetlana Zarynskyi (54) und Dorothee Brodkorb (62) lieben ihren Beruf. Und auch wenn sie unterschiedliche Persönlichkeiten sind, so eint sie ihre Einstellung zur Arbeit. Foto: Tatjana Radetzky
Hier vereinen sich 121 Jahre Berufserfahrung. Sie vertreten und ergänzen sich gegenseitig und sind "immer für die Frauen da".

Von Annette Steininger

Schriesheim. Schwer atmend läuft eine Schwangere mit ihrem Mann vor dem Hebammenladen in der Steinachstraße herum. "Ich entbinde heute noch", freut sich Hebamme Inge Buchleiter – und ist zwar aufmerksam beim Gespräch mit der RNZ dabei, behält aber doch stets "ihre" Schwangere im Blick. Und das steht auch für die Philosophie von Buchleiter und ihrer Kolleginnen Svetlana Zarynskyi sowie Dorothee Brodkorb. Sie sind immer für "ihre" Frauen da und bieten Schwangeren sowie jungen Müttern ein "Rundumpaket".

Waren sie bislang jede quasi für sich im Job tätig, wollen sie ab Januar 2022 im "Hebammenladen" gemeinsame Sache machen. Und bringen dabei beachtliche 121 Jahre Berufserfahrung ein. Zarynskyi ist seit 34 Jahren Hebamme, Brodkorb seit 41 und Buchleiter sogar seit 46 Jahren. "Wir sind das Dreigestirn", sagt Buchleiter und lacht. Die Idee, sich zusammenzutun – bislang hat Buchleiter den "Hebammenladen" mit Untersuchungs- und Kursraum allein betrieben –, kam auf, weil sich die drei gegenseitig entlasten und ergänzen wollen. "Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, in den Urlaub zu fahren" verrät Zarynskyi. So aber können sich die drei auch gegenseitig vertreten, die Schwangere hat kein unbekanntes Gesicht vor sich. "Wir sind für unsere Frauen da – von Januar bis Dezember", erklärt Buchleiter die Besonderheit des Konzepts.

Hinzu kommt noch das "Rundumpaket", das von der Geburtsvorbereitung, über die Entbindung an sich – wenn sich die Schwangere für das St. Josefskrankenhaus in Heidelberg entscheidet – bis hin bis zur Nachsorge samt Rückbildung, Babymassage oder auch Ernährungsberatung reicht. Hierbei bringen die drei zudem ihre ganz persönlichen Erfahrungen ein: Beispielsweise bieten Buchleiter und Brodkorb Akupunktur an, Zarynskyi wiederum hat auch Sport studiert und wird eine rhythmisch-schnelle Form von Rückbildung anbieten, "das ist ein bisschen wie Aerobic". Sollte der Bedarf da sein, kann Zarynskyi auch Geburtsvorbereitungskurse auf Russisch halten. Und Brodkorb integriert Elemente des "Hypnobirthings", bei dem sich Schwangere selbst in eine Art Hypnose beziehungsweise Trance versetzen können, in die Geburtsvorbereitung. Zudem macht sie ihre Wassergymnastik für Schwangere in Heidelberg noch bis Sommer 2022 weiter.

Während Buchleiter Beleghebamme ist, also eine freiberuflich tätige Hebamme, die gebärende Frauen im Kreißsaal begleitet, arbeitet Zarynskyi als angestellte Hebamme im Josefskrankenhaus. Brodkorb ist beides: angestellte Hebamme und Beleghebamme.

Was sie aber alle eint: "Wir sind vom gleichen alten Schlag", finden sie. So unterschiedlich sie in ihrer Persönlichkeit sind, so gleicht sich aber ihre Einstellung zur Arbeit. "Wir leben das Hebammen-Dasein", findet Brodkorb. Dazu gehört auch eine gewisse Gelassenheit, denn eine Geburt ist ja oft eine ganz spontane Sache. "Wir sind immer da, um 16 Uhr ist für uns nicht Schluss", erzählt Buchleiter. "Man sollte kein Problem mit der Work-Life-Balance haben", ergänzt Brodkorb. "Und vor allem Spaß am Beruf haben", findet Zarynskyi.

Brodkorb erinnert sich noch gut daran, als ihr Sohn sie anrief, weil eines Abends, am Tag vor einem Feiertag, der Kühlschrank leer war. Da stand sie gerade im Kreißsaal. "Wenn Du etwas brauchst, musst du herkommen und Dir das Geld holen", forderte sie ihn auf. Der Sohn stand später kopfschüttelnd vor ihr. "Du müsstest längst im Feierabend sein", meinte er. "Das ist aber mein Beruf", entgegnete sie lächelnd. Und weil die drei Hebammen ihn so gerne ausüben, sind sie regelrecht schockiert davon, dass es inzwischen Firmen gibt, die gegen Geld für schwangere Frauen auf die Suche nach einer Hebamme gehen.

Sowohl Brodkorb als auch Zarynskyi haben solche Anrufe schon bekommen. Sie raten allen, sich lieber direkt zu melden. Inzwischen haben die drei Hebammen auch eine Angestellte, die sich um die Anmeldungen kümmert, früher haben sie das noch selbst gemacht.

Über Zahlen wollen die drei nicht reden, "sonst sind die Schwangeren schockiert und fragen sich, wie wir das schaffen". Aber sie schaffen es. Und erleben dabei durchaus außergewöhnliche Momente. So hat bei Inge Buchleiter beispielsweise mal eine Frau ihr Kind tanzend geboren, mit einer selbstgebrannten CD, "da war alles dabei – von AC/DC bis Pop". Brodkorb wiederum war bei einer etwas längerwierigen Geburt, da ertönte auf einmal "Es tut noch immer weh" von Rosenstolz. Da musste trotz heftiger Wehen auch die Gebärende mal eben laut lachen. Die Hebamme bekam dann als Dankeschön im Nachhinein die CD geschenkt. Schwangere und ihre Hebammen – das ist überhaupt eine enge Verbindung. Doch wie funktioniert das in der Corona-Zeit? "Ich biete immer noch Hybridkurse an", erzählt Buchleiter. Diese Form der Geburtsvorbereitung hat auch den Vorteil, dass so beispielsweise eine Frau aus Österreich teilnehmen konnte. Zarynskyi betreute via WhatsApp-Video eine junge Mutter bei der Nachsorge in Moskau. In der Pandemie-Zeit gibt es für die Hebammen viel zu tun, so ist die Nachsorge teils länger, weil die Frauen nach der Geburt früher aus dem Krankenhaus rauswollen, um sich dort nicht mit Corona anzustecken.

Gefühlt haben sie in der Pandemie-Zeit auch mehr Geburten, "auch wenn das statistisch nicht so ist", stellt Buchleiter klar. Eines dieser Babys will jedenfalls jetzt bald auf die Welt. Da ist Buchleiter gefragt, und zwar ganz gleich, ob sie gerade mit der Presse ein Gespräch führt, denn für sie wie ihre Kolleginnen gilt: "Für die Frauen sind wir immer da."

Info: Anmeldungen an: info@hebamme-rheinneckar.de; weitere Informationen gibt es auf der Webseite www.hebamme-rheinneckar.de.

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung