23.12.2021

So wird der Wein des neuen Jahrgangs

So wird der Wein des neuen Jahrgangs

Manuel Bretschi, Winfried und Christina Krämer (v.l.) testeten sich namens der Winzergenossenschaft im Zehntkeller durch die 85 Flaschen, die für die 85 Gebinde stehen, in denen der Badische Winzerkeller den Schriesheimer Wein ausbaut. Foto: Dorn
Keine Ausreißer nach unten, aber nach oben: Die Winzergenossenschaft machte ihre erste "Tankprobe" seit der Lese. Der Spätburgunder beeindruckt.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Die Lese ist gerade mal ein Vierteljahr her, und schon gibt es eine erste Ahnung, wohin sich die Weine der Winzergenossenschaft (WG) entwickeln. Im Zehntkeller standen unlängst 85 Flaschen. Für jedes Gebinde im Badischen Winzerkeller eine – ob Tank oder Holzfass. Dort, in Breisach, gären die Schriesheimer Tropfen gerade. Für den neuen WG-Geschäftsführer Manuel Bretschi ist es der erste Jahrgang, den er verantwortet.

Die 85 Flaschen stehen deswegen im Zehntkeller, weil Bretschi wissen will, wie überhaupt der Jahrgang wird und wo nachgesteuert werden muss. Diese ganze erste Verkostung des noch unfertigen Weins nennt sich etwas arg unromantisch "Tankprobe". Dabei ist Bretschi nicht allein, ihm assistieren der WG-Aufsichtsratsvorsitzende Winfried Krämer und seine Tochter Christina. Im letzten Jahr, bevor Bretschi vom Deutschen Weininstitut zum 1. Juli nach Schriesheim kam, musste Winfried Krämer alleine ran. "Da ist man dann für die ganze Stilistik verantwortlich. Natürlich gibt es das eine oder andere Problem, das gelöst werden musste", erinnert sich Krämer. In diesem eher nassen und kühlen Jahr geht die Tendenz auch nach der "Tankprobe" in die Richtung, die Bretschi schon lange vermutet: "Weniger Alkohol, mehr Frische und Frucht. Eigentlich eher ein normaler Jahrgang." Das sieht auch Krämer so: "Vor der Lese habe ich gedacht, dass die Sonne fehlt. Aber nun sind doch der Geschmack und die Aromen drin, die Stilistik passt."

Denn es ist ja nicht die Rebsorte allein, die den Geschmack des Weins bestimmt: der Standort, die Lesezeit, die Maischestandzeit (also die Zeit vor dem Pressen, die auch wichtig für das Aroma ist, gerade bei Rotweinen) und der Einsatz von Hefe (die man zur Gärung braucht). Und deswegen kommt auch nicht jede Rebsorte in einen großen Tank. So gibt es allein beim beliebten Sauvignon Blanc drei Gebinde: zwei für die fruchtige Version, eines für die Exklusiv-Serie. "Keine Probe schmeckt wie die andere" sagt Bretschi. Im Moment sind die 85 Weine, zumindest zum Gutteil, noch "Rohdiamanten, die geschliffen werden müssen". "Das Ziel ist eine Harmonie, das ist wie bei einem Puzzle", so Bretschi.

Und wie schneiden denn nun die Proben ab? "Es gibt keinen Ausreißer nach unten, keinen Fehlgeschmack", sagt Krämer, aber manche Weine sind noch etwas wild und wirken unfertig, gerade "der Burgunder ist unterschiedlich weit". Aber es gibt auch die Ausreißer nach oben, wie eine Spätburgunder-Selection, die jetzt schon voll und schwer ist. Kein Wunder: Die Reben sind alt, die Erträge gering, es sind schlicht die besten Trauben der Bergstraße, die in Breisach ins Holzfass kommen.

Die Schriesheimer sind nicht die einzigen, die gerade den Wein probieren, auch der Badische Winzerkeller testet parallel. War es in den letzten Jahren der den Bergsträßern vertraute Breisacher Kellermeister Jörg Wiedemann – er wurde nach 35 Jahren im letzten Jahr vom Badischen Winzerkeller entlassen –, ist es nun sein Nachfolger, der Italiener Roberto Raspini. Mit dem ist man – ungeachtet der angedachten Zusammenarbeit mit der Winzergenossenschaft Heppenheim und einem möglichen Abschied von Breisach – zufrieden: "Er macht einen kompetenten Eindruck", so Bretschi. Diese "Tankprobe" entscheidet nicht allein über den zukünftigen Jahrgang: "Wir haben mindestens noch fünf Termine bis zur Abfüllung."

Laien, das muss man schon sagen, sind mit der "Tankprobe" überfordert. Da wäre zum Beispiel die Neuzüchtung Cabernet Blanc, eine pilzwiderständige Rebsorte, eine "Piwi". "Na, wonach schmeckt das?", fragt Christina Krämer – Achselzucken des RNZ-Redakteurs. "Grüner Paprika mit schwarzem Pfeffer." Das geschmackliche Unvermögen rührt auch daher, dass man den Wein gut im Glas schwenken muss – Krämer: "Immer schön aus der Schulter heraus, nie aus dem Handgelenk" –, und die Kunst der retronasalen Aromenerkennung (also nach dem Schlucken im Rachen) noch nicht beherrscht. Doch die Winzerin ist jetzt schon zufrieden: "Er ist fast da, wo er hin soll."

Überhaupt kümmert sich Christina Krämer "mit besonders viel Liebe" um ihre "Piwis", deren Namen man noch nicht so kennt: Calardis Gris, Sauvitage, Sauvignac, Souvignier Gris oder Cabernet Gris werden in Schriesheim angebaut, aber nicht alle auch auf die Flasche gezogen. "Noch sind das Experimentierfelder, oft weiß man nicht, ob sich die Sorten für den Anbau eignen", weiß die Winzerin. Satin Noir beispielsweise gedieh im Wingert super, aber wurde dann komplett Opfer der Kirschessigfliege. "Man muss sich einfach darauf einlassen", sagt sie, auch mit Blick auf die Weintrinker, die oft noch mit den "Piwis" fremdeln: Wer Weißburgunder mag, wird sich vielleicht auch mit Souvignier Gris anfreunden, so wie Sauvignon-Blanc-Freunde mit Cabernet Blanc.

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung