03.02.2022

Missbrauchsdebatte: Im Schriesheimer Kirchenvolk rumort es

Missbrauchsdebatte: Im Schriesheimer Kirchenvolk rumort es

Zentrum katholischen Glaubens: die katholische Kirche Mariä Himmelfahrt. Foto: Dorn
Der Pfarrgemeinderatsvorsitzender Detlev Aurand fordert eine konsequente Aufarbeitung. Momentan kommt es vermehrt zu Austritten.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Das katholische Kirchenvolk ist derzeit "verzweifelt, resigniert und verstört". So sagt es zumindest der Vorsitzende des Pfarrgemeinderates der Seelsorgeeinheit, Detlev Aurand. Angesichts der anhaltenden Diskussion um Missbrauchsfälle "lässt es einen zweifeln, wieso auf den oberen Ebenen nichts passiert und wieso ständig taktiert wird" – und so vermisst Aurand, der auch auf Dekanats- und Diözesen-Ebene aktiv ist und Verbindungen bis nach Rom hat, "Redlichkeit und Demut". Stattdessen hätte sich lange Zeit die obere Hierarchie-Ebene "weggeduckt und vertuscht". Diese habe die "Institutionsperspektive im Auge" und neige dazu, "die Täter zu schützen und die Opfer zu vergessen" – in dem falschen Glauben, dadurch "die Institution Kirche zu schützen". Für Aurand gibt es nur einen Weg: "Aufarbeiten! Und akzeptieren, dass man einen Fehler gemacht hat und den in Zukunft vermeiden will."

Daher hätte im Moment die Kirchenbasis besondere Schwierigkeiten, sich mit der Amtskirche zu identifizieren. Das könne, so prophezeit er, sogar "zu einer Kirchenspaltung führen". Aber nicht wie vor 500 Jahren, als sich die Protestanten von den Katholiken lösten, sondern: "Das Volk trennt sich von den Kirchenführungen – nicht aber vom Pfarrer." Das sei nicht nur die Schuld der deutschen Erzbischöfe, sondern auch des Papstes: "Franziskus nimmt nicht wahr, dass wir im zentraleuropäischen Raum ein Problem haben." Oft genug heiße es, dass es sexuelle Übergriffe nicht nur bei den Katholiken gibt – was ja auch stimmt, denn auch bei den evangelischen Landeskirchen haben sich über 900 Betroffene gemeldet. Aber Aurand glaubt schon, dass das Missbrauchsproblem in der katholischen Kirche virulenter ist – auch wegen des Zölibats. Aber noch ausschlaggebender sind Faktoren wie "unbeobachteter Raum" und Abhängigkeitsverhältnisse, zusammen mit dem Umstand, dass bei den Katholiken Pfarrer lange als unangreifbar galten. Insofern hätten die Präventionsprogramme und schärfere Auswahlkriterien für kirchliche Mitarbeiter ihren Sinn.

Die gelten seit über zehn Jahren auch in Schriesheim. Und tatsächlich ist Aurand in seinen 23 Jahren im Amt noch kein einziger Fall von sexuellen Übergriffen, "auch nicht bei Freizeiten", zugetragen worden: "Da wurde noch nicht einmal der Hauch einer Andeutung gemacht. Auch wenn Ältere etwas von früher erzählt haben, ist mir nie etwas zu Ohren gekommen." Zwar gab es in den fünfziger Jahren Fälle von körperlicher Züchtigung, aber das entsprach dem damaligen Zeitgeist und war auch andernorts gang und gäbe. Apropos Zeitgeist: Während der sexuelle Missbrauch an der Kirchenbasis das große Thema ist, war es das Coming-out von über 120 Kirchenmitarbeitern in der letzten Woche nicht. In der Gemeinde war man eher erleichtert, dass diese Personen sich endlich ehrlich zu ihrer Homosexualität bekannten: "Unser Kirchenvolk ist viel toleranter, als es die Oberen annehmen", meint Aurand.

Eine andere Frage ist, ob sich die Missbrauchsdebatte auch in mehr Kirchenaustritten widerspiegelt. "Es dauert immer ein bisschen, bis die Zahlen in den Pfarrgemeinden ankommen", aber Aurand berichtet, dass es "letztes Jahr mehr als im Jahr davor waren". Tatsächlich verzeichnet das Rathaus momentan "eine erhöhte Anzahl an Kirchenaustritten", wie es auf RNZ-Anfrage mitteilte. Bis Ende Januar waren 28 Personen aus den beiden christlichen Kirchen ausgetreten, im gesamten letzten Jahr waren es 142. Denn auch die Protestanten geraten in den Sog der katholischen Missbrauchsaffäre – nach dem Motto "Kirche gleich Kirche". Wobei Aurand für die Katholiken noch mit Schlimmerem rechnet: Wenn im März der Missbrauchsreport des Erzbistums Freiburg vorgestellt wird, sieht er eine weitere Austrittswelle kommen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung