04.03.2022

Winzergenossenschaft Schriesheim: Als Peter Riehl den Mathaisemarkt neu ordnete

Die Stadt übernahm 1975 das Festzelt und änderte das Programm. Die Rebflurbereinigung gelang erst im zweiten Anlauf.

Von Marion Gottlob

Schriesheim. Die Winzergenossenschaft Schriesheim wurde 2020 runde 90 Jahre alt. Zu den Ideengebern im Jahr 1930 zählte Bürgermeister Georg Rufer, über dessen Lebensleistung und aufrechte demokratische Gesinnung in den vergangenen Wochen wieder verstärkt diskutiert wurde. Rufer war es auch, der den Mathaisemarkt nach langer weltkriegsbedingter Pause 1926 wiederbelebte.

Ein weiterer Bürgermeister sollte Traditionsveranstaltung mit Ideen und Engagement in eine moderne Ära führen: 1974 wurde der damals 31 Jahre alte Peter Riehl zum Verwaltungschef gewählt. Die Krönung von Edith Rufer zur Schriesheimer Weinkönigin war seine erste öffentliche Amtshandlung – mit einem überraschenden Kuss. In seinem Buch "Vom Silvaner zum Schriesecco" hat Konstantin Groß die Errungenschaften der Riehl-Epoche beschrieben.

Peter Riehl änderte Ablauf und Struktur des Mathaisemarkts: Schon 1975 gab es das erste Mal den "Schriesheimer Abend". Konstantin Groß: "Vor allem aber ergaben sich neue Strukturen im Festzelt. Bisher bewirtschaftete die Winzergenossenschaft in eigener Regie das Festzelt, das ab 1957 zunächst im unteren Schulhof und seit 1964 auf dem neuen Festplatz stand. Mit dem Mathaisemarkt 1975 übernahm die Stadt die Verantwortung für das Programm und die Organisation im Festzelt. Als Gegenleistung erhielt die Genossenschaft von Peter Riehl die Zusage, dass im Festzelt auch zukünftig alleine Genossenschaftswein ausgeschenkt werde – ein Umstand, der 13 Jahre später Ursache des sogenannten Winzerkriegs wurde."

Im Jahr 1986 kam es tatsächlich zu diesem Konflikt zwischen den privaten Weingütern Schriesheims und der Winzergenossenschaft. Autor Groß zitiert den erbosten Winzer Hans Wehweck: "Das ist Vetterleswirtschaft. Vielleicht erhofft sich unser Bürgermeister dadurch mehr Wählerstimmen." Heinrich Rufer von der Winzergenossenschaft setzte sich zur Wehr: "Wir werden in den nächsten 100 Jahren den Wein ins Festzelt liefern." Bürgermeister Riehl sagte wiederum auf der ersten Sitzung des Marktausschusses nach dem Mathaisemarkt: "Nichts soll jetzt unausgesprochen bleiben. Doch was jetzt nicht gesagt wird, soll später nicht zusätzlich aufgetischt werden."

Nach der Aussprache war klar: Es sollte so bleiben, wie es ist. Die rund 300 Mitglieder, Feierabend-Winzer in der Mehrzahl, hatten kaum andere Chancen, ihren Rebsaft zu verkaufen – sie konnten es sich nicht leisten, das Festzelt zu verlieren.

Eine Winzergenossenschaft lebt von der Erneuerung: Die Geschäftsstelle und das Kelterhaus wurden modernisiert. Die neuen Techniken brachten eine Steigerung der Qualität: "Es konnte schneller und wesentlich schonender gepresst werden", schreibt Konstantin Groß. Die Kapazität wurde von 10.000 auf 18.000 Liter gesteigert. "Ein Massenandrang bei der Lese an einem Tag war nun problemlos zu bewältigen." Die Maßnahme kostete rund 300.000 Euro.

Den Hauptteil der Kosten trug der Badische Winzerkeller in Breisach. Dazu gab es Zuschüsse der Europäischen Union. Nur wenig mussten die Schriesheimer Winzer selbst aufbringen. Es war eine Epoche für neue Marketing-Konzepte: Im Jahr 2000 startete die Reihe "Rock ’n’ Riesling", ein Event im Zehntkeller mit Musik und Wein. Im Jahr 2002 erweiterte die Winzergenossenschaft ihre Angebotspalette um einen Secco mit dem Namen "Schriesecco", "der bald zu einem ungeahnten Verkaufsschlager wurde", so Konstantin Groß.

Nur zwei Jahre später, 2004, "konnte die Genossenschaft einen großen Erfolg verbuchen: Für ihre betriebliche Gesamtleistung erhielt sie den Ehrenpreis für den Bereich Badische Bergstraße und für ihre eingereichten Weine insgesamt zwölf Goldmedaillen".

Noch ein großer Schritt wurde geschafft: Schon 1979 hatte Schriesheim einen ersten Anlauf zur Flurbereinigung unternommen. Der Versuch scheiterte. Die Gegner sagten: "Wir sind keine kleinen Kinder. Der Gemeinderat hat nichts in die Grundstücke reinzureden." Doch fast 25 Jahre später war vieles anders. Immer mehr Winzer gaben ihren Wingert auf, als sie älter wurden. Brache entstand, wie Konstantin Groß erläutert. Wege verfielen, Gestrüpp wucherte, Pilz-Krankheiten verbreiteten sich.

Erneut war es Bürgermeister Peter Riehl, der sich für das Projekt einsetzte: "Wir müssen heute etwas tun. Wenn wir nichts tun, ist unser Weinbau und unsere Landwirtschaft kaputt, das muss jeder klar sehen." Die Pläne sahen Gegenmaßnahmen vor: Das Gelände sollte neu modelliert werden, zum Beispiel mit einem System von Querterrassen, die einfacher zu bearbeiten sein sollten. Bei einer Probeabstimmung auf einer Infoveranstaltung erhielt das Projekt große Zustimmung: 76 Stimmen gab es dafür, nur vier hielten dagegen. Im Jahr 2005 bewilligte der Gemeinderat 320.000 Euro für die Rebflurbereinigung.

Ganz groß gefeiert wurde das 75. Jubiläum im gleichen Jahr. Erstmals trugen die drei Weinhoheiten den gleichen Vornamen: Stefanie Frank wurde Weinkönigin, ihre Weinprinzessinnen wurden Stefanie Schmitt und Stefanie Weber. Zum Jubiläumsjahr gab es einen Jubiläumswein. Zum Festakt in der Mehrzweckhalle kamen 800 Gäste. Peter Riehl wurde Ehrenmitglied der Winzergenossenschaft. "Wir wollen Dank sagen für 32 Jahre Unterstützung des Schriesheimer Weinbaus", sagte Vorstandschef Friedrich Ewald. Zum zweiten Mal in Folge erhielt die Winzergenossenschaft den Ehrenpreis für den Bereich Badische Bergstraße und für ihre Weine neun Gold- und drei Silbermedaillen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung