09.04.2022

Wohnen in Schriesheim: Die soziale Frage ist eine Frage der Miethöhe

Wohnen in Schriesheim: Die soziale Frage ist eine Frage der Miethöhe

In Schriesheim wurde gerade in der Pandemiezeit viel gebaut, saniert und modernisiert. Allerdings entstand dabei nicht immer günstiger Wohnraum. Dessen akuter Mangel ist das gravierendste soziale Problem in der Stadt. Foto: Dorn
In Schriesheim fehlt bezahlbarer Wohnraum. Auch die Mittelschicht ist betroffen. Hilft eine Wohnungsbaugesellschaft der Bergsträßer Kommunen?

Von Max Rieser

Schriesheim. In der gesamten RNZ-Wochenendausgabe vom 19./20. Februar ging es um die soziale Lage – und der Schriesheimer Beitrag kam zu dem Fazit, dass hier ganz besonders die hohen Mieten drücken. Ein Grund, tiefer ins Thema einzusteigen.

Ein Drittel der Schriesheimer Stadtbevölkerung liegt unter dem durchschnittlichen Einkommen und "ist von Armut bedroht", sagt Sozialstellenleiterin Christine Söllner. Besonders bemerkbar mache sich das in ihrem Amt durch immer häufigere Wohngeldanträge, auch gekündigte Mietverträge und Räumungsklagen sind ein Thema. Betroffen seien vor allem Alleinerziehende, meistens Frauen, und alleinstehende Seniorinnen, die früher als Hausfrauen keine Rentenpunkte sammeln konnten und finanziell von ihren Ehemännern abhingen.

Doch das Hauptproblem sind die immer weiter steigenden Mieten. Die Problematik sei nicht wie früher nur bei Geringverdienenden oder sozial Benachteiligten zu finden, sondern reiche "weit in die Mittelschicht" hinein: "Viele Menschen, die bei uns vorstellig werden, finden keinen bezahlbaren Wohnraum mehr, obwohl beide Partner arbeiten gehen und nicht so schlecht verdienen." Mit einem "normalen Gehalt" seien die Mieten oft nicht mehr bezahlbar, was auch junge Eltern trifft, die durch Familienzuwachs mehr Platz brauchen.

Eine Schwierigkeit bei der Bewältigung des Problems ist, dass die Unterstützung von staatlicher Seite zu gering sei. Personen im Leistungsbezug müssten eine "für ihre Verhältnisse angemessen Wohnung finden." Eine 45 Quadratmeter große Wohnung dürfe demnach nicht mehr als 370 Euro bei der Warmmiete kosten: "Das ist völlig unrealistisch, eine so günstige Wohnung zu finden." Die Mieten in den Altenbach und Ursenbach seien zwar etwas günstiger, gerade Alleinerziehende seien aber darauf angewiesen, eine passende Wohnung in der Stadt zu finden: "Die Kinder sind hier auf der Schule, da kann man sich keine Wohnung im Odenwald suchen, weil die Anbindungen zu schlecht sind." Die günstigere Wohnung würde dann einen zeitlichen und finanziellen Mehraufwand beim Transport bedeuten: "Für Menschen ohne Auto ist es schwierig, in Altenbach oder Ursenbach zu leben und anderswo zu arbeiten." Für ältere Menschen und Rollstuhlfahrer seien die Ortsteile häufig ebenfalls wenig attraktiv, da die steile Lage für sie schlecht zu bewältigen sei und es keine Einkaufsmöglichkeiten gibt: "Jemand, der nicht gut zu Fuß ist, kann keine schweren Einkaufstüten aus der Kernstadt mit dem Bus nach Altenbach bringen und dann am Ende noch in die ‚Obere Kipp‘ tragen."

Die Stadt gibt zwar keinen offiziellen Mietspiegel heraus, Söllner bestätigt aber Zahlen, die Online-Vergleichsportale nennen: "Wir liegen in Schriesheim etwa bei zehn bis zwölf Euro pro Quadratmeter", berichtet sie. Demnach würde eine 45-Quadratemeter-Wohnung 450 beziehungsweise 540 Euro kosten. "Das Jobcenter zahlt 6,67 Euro pro Quadratmeter. Das ist gerade mal die Hälfte von dem, was in der Regel gefordert wird", sagt Söllner.

Es gibt zwar Initiativen aus dem Rathaus und der Bevölkerung, um dem Problem zu begegnen, auf lange Sicht wird das aber nicht reichen. Wie kann man also politisch die Weichen stellen, um auch Menschen mit kleinem Einkommen einen Platz in der Stadt zu bieten? So schnell wird sich das Problem wohl nicht lösen, es gibt aber erste Schritte zum Gegenlenken.

Der Landtagsabgeordnete und Stadtrat der SPD, Sebastian Cuny, bringt das Thema "bezahlbarer Wohnraum" immer wieder in den Gemeinderat und auch den Ausschuss für Technik und Umwelt ein. Er sagt: "Für Schriesheim sind die Miet- und Immobilienpreise seit Jahren die soziale Frage schlechthin." Die angespannte Lage spitze sich immer weiter zu: "Die Kommunen haben seit Jahrzehnten städtische Wohnungen veräußert, und jetzt eine Wende einzuläuten ist nicht so einfach."

Daher habe seine Fraktion den Antrag gestellt, dass "immer, wenn die Stadt Baurecht schafft, davon 20 Prozent bezahlbarer Wohnraum sein müssen." Dieser Antrag sei auch von den anderen Gemeinderatsfraktionen "nahezu einstimmig" mitgetragen worden. In einigen wenigen Fällen habe dieses Instrument schon gegriffen und die Stadt habe Mietrechte an Wohnungen erwerben können. Vor allem aber für kommende Bauprojekte in einem "eventuellen Neubaugebiet" (Cuny) könnte der Grundsatz sich positiv auswirken. Das seien allerdings nur kleine Schritte "die im Großen und Ganzen" nicht ausreichen. Daher strebt die SPD an, eine Wohnungsbaugesellschaft zu gründen, die bezahlbaren Wohnraum im größeren Stil schafft: "Wir als Kommune können aus dem Haushalt, der uns zur Verfügung steht, das nicht schaffen."

Da ein solches Projekt "von einer Gemeinde in der Größe Schriesheims" nicht zu stemmen sei, trug Cuny die Idee auch in die umliegenden Gemeinden. Als er bei seinem Amtsantritt 2021 die Bürgermeister besuchte, regte er eine "interkommunale Zusammenarbeit" zur Gründung einer Wohnungsbaugesellschaft an. Das Interesse sei groß gewesen, und man habe ihm rückgemeldet, dass die Idee auch auf den Sprengeltreffen der Verwaltungschefs schon aufgekommen sei. Pläne für weitere Schritte gebe es aber noch nicht. Für Menschen, die schnell eine günstige Wohnung brauchen, ist diese Entwicklung zwar wenig konkret, "man kann den Schalter jetzt aber auch nicht einfach umlegen, das ist finanziell nicht zu stemmen", so Cuny.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung