25.04.2022

12-jähriger Ukrainer Nikita vermisst sein Tanz-Hobby

Nikita Bazarnyi aus der Ukraine war schon bei vielen Wettbewerben erfolgreich. Wo kann der Zwölfjährige nun wieder seinem Hobby frönen?

Von Marion Gottlob

Schriesheim-Altenbach. Wer ein Tanz-Video von Nikita anschaut, der kann nur eines tun: Beifall klatschen. Es ist, als würde die Musik wie in einer großen Welle durch den jungen Tänzer fließen. In der Ukraine hat er mit seinem Gefühl für Melodie und Rhythmus viele Wettbewerbe gewonnen und hatte er sich für seinen ersten auf Landesebene qualifiziert.

Doch der Ukraine-Krieg unterbrach die steile Tanzkarriere von Nikita. Mutter Iryna gelang mit ihrem Sohn die Flucht nach Deutschland und nach Schriesheim zu ihrer Cousine Yana Goethe. Inzwischen haben Mutter und Sohn eine Wohnung in Altenbach gefunden. Nun ist Nikita froh darüber, in Sicherheit zu sein. Aber er vermisst sein Tanz-Hobby.

In der Ukraine gibt es eine ungewöhnliche Tanztradition: Kinder ab dem sechsten Lebensjahr beginnen schon ein Training für die europäischen Welttänze. Dazu zählen die Standardtänze wie Wiener Walzer oder Tango und die lateinamerikanischen Tänze wie Samba, Cha-Cha-Cha oder Paso Doble. Ein Video zeigt Nikita mit einer perfekten Interpretation des Langsamen Walzers, der mit seinen raumgreifenden Bewegungen als einer der schwierigsten Tänze überhaupt gilt. Ein anderer Film-Clip präsentiert den Jungen mit den präzisen Bewegungen des Jive – wunderbar.

In der ersten Grundschulklasse wurde Nikita mit seiner Klasse zum Schnupper-Training in einen Tanz-Club eingeladen. Er dachte zuerst: "Tanzen – das ist doch nichts für Jungen." Doch fast die Hälfte seiner Klasse entschied sich für die regelmäßige Teilnahme am Training. Auch Nikita trainierte jede Woche 45 Minuten. Rasch wurde seine natürliche Begabung entdeckt. Während seine Kameraden nach wenigen Monaten das Tanzen wieder aufgaben, blieb Nikita dem neuen Hobby treu. Mit seiner ersten Tanzpartnerin Sofia probte er nun dreimal pro Woche jeweils anderthalb Stunden. Der Fleiß und die Ausdauer lohnten sich: Das Kinderpaar gewann in Wettbewerben einen Preis nach dem anderen.

Mutter Iryna erklärt: "Nikita war schon sehr früh selbstständig. Er hat nach der Schule sofort alleine Hausaufgaben gemacht und ist dann zum Training gegangen." Sie und ihr Mann arbeiteten ganztägig in einer Schuhfabrik. Aufgrund des Hobbys ihres Sohnes hatten sie sogar begonnen, spezielle Tanz-Schuhe für Kinder zu entwerfen. Neben den Schuhen braucht es für die Teilnahme an den Wettbewerben auch die Kostüme, die den Modellen der Erwachsenen nachempfunden sind. Mutter Iryna lächelt: "Unsere Schneiderin hat sich auf das Nähen der Tanzkleidung für Kinder spezialisiert und ein neues Berufsfeld entdeckt." In der Corona-Krise musste Nikitas Tanz-Partnerin Sofia aufgeben, denn ihre Eltern konnten sich die Ausgaben für Fahrtkosten, Wettbewerbsgebühren und Kleidung nicht mehr leisten. Nikita trainierte neun Monate allein: "Das machte keinen Spaß." Seine Mutter suchte über das Internet eine neue Partnerin. Schließlich wechselte Nikita den Tanz-Club, um mit Partnerin Liza zu trainieren.

Schon nach drei Wochen trat das Paar zu seinem ersten Wettbewerb an und gewann den dritten Platz. Der Trainer lobte: "Eine gute Platzierung." Denn es braucht immer ein wenig Zeit, bis sich neue Partner aufeinander eingestellt haben. Liza musste mehr üben, um mit Nikita mithalten zu können. Doch wenn Nikita einen Fehler machte, war sie ein wenig ungehalten. Nikita lächelt: "Dann habe ich geschwiegen." Nach und nach fanden die beiden Kinder zu einem professionellen Umgang miteinander – auch das gehört zum Tanz dazu.

Dann begann der Krieg. Nikitas Heimatstadt Charkiw gehört zu den Regionen, die von Russland am heftigsten angegriffen wird. Lizas Familie hatte die wichtigsten Papiere in einem Keller deponiert. Nun ist der Keller ausgebrannt. Liza und ihre Familie haben keine Papiere für die Flucht. Auch in der Nähe von Nikitas Haus ist eine Bombe eingeschlagen. Sie ist zwar nicht detoniert, aber es ist gefährlich.

Nikita weiß nicht, wann er mit seiner Mutter in seine Heimat zurückkehren kann. So lernt er eifrig die deutsche Sprache. Jetzt, nach den Osterferien, wird er die sechste Klasse des Kurpfalz-Gymnasiums besuchen. Vor allem sucht er eine Möglichkeit, dass er wieder Standardtanz und Lateinamerikanischen Tanz trainieren kann. Seine Mutter sagt: "Es wäre zu schön, wenn das gelingen würde."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung