29.06.2022

Wie Ilana Bender als Jüdin unter lauter Christen lebt

Im "Mittendrin" gab die Leutershäuserin "einen authentischer Einblick in ein jüdisches Leben". Die Lehrerin ist vielfältig engagiert.

Schriesheim/Hirschberg. (mio) Beim monatlichen Frauen-Treff im Begegnungszentrum "Mittendrin" sind eigentlich keine Männer willkommen. Doch manchmal lässt Koordinatorin Jacqueline Krämer Ausnahmen zu. So waren beim Juni-Frauentreff unter den rund 30 Gästen einige Männer zu finden. Auch sie interessierten sich für den Vortrag von Ilana Bender über "einen authentischen Einblick in ein jüdisches Leben". Liebenswürdig und offen hielt die Referentin nicht einen abstrakten Vortrag, sondern sprach über ihre eigene Biografie. Zutiefst berührend.

Der Vortrag startete mit der Geschichte einer großen Liebe! Ilanas Mutter Riitta ist in Finnland aufgewachsen und ging für ein Jahr nach Deutschland, um in einem Geldinstitut zu arbeiten. Ilanas Vater Edward wurde in Rumänien geboren. Später wanderten seine Eltern nach Israel aus. Er erlernte den Beruf des Uhrmachers. Die beiden begegneten sich in einem Nachtclub in Frankfurt – ihre Mutter begleitete eine Freundin, ihr Vater war auf einer Rundreise unterwegs. Riitta und Edward verliebten sich sofort. Für die Heirat musste ihre Mutter zum Judentum übertreten. Sie sagte: "Ich konnte meinen christlichen Glauben hinter mir lassen, weil er mir nicht so viel bedeutet hat. In dem Moment, in dem ich deinen Vater traf, wollte ich nur noch mit ihm sein", gibt Bender ihre Mutter wieder.

Aber so einfach war das mit der Heirat nicht! Edwards Mutter lehnte Riitta ab. Sie legte Liebesbriefe von Ex-Freundinnen ihres Sohnes in die Unterwäsche von Riitta. Das nützte alles nichts. Riitta und Edward heirateten ruckzuck und entschieden sich für ein Leben in Deutschland. Dort kam 1979 Ilana zur Welt. "Ilana" bedeutet so viel wie "kleiner, weiser Baum". Das Mädchen wuchs ganz selbstverständlich im jüdischen Glauben auf. Ilana Bender erinnert sich: "Als ich ein kleines Kind war, wusste ich nicht, dass es unterschiedliche Religionen gab." Die Familie lebte in Offenbach. Erst im evangelischen Kindergarten wurde Ilana bewusst, dass es andere Religionen gibt, denn die anderen Kinder feierten andere Feiertage. Später besuchte Ilana eine jüdische Grundschule in Frankfurt: "Ich fühlte mich wie eine Biene, die ihren Schwarm gefunden hatte." Mit neun Jahren fuhr sie das erste Mal in ein jüdisches Feriencamp. Der Leiter des Camps wurde für sie zum Vorbild, sodass sie später den Beruf der Lehrerin wählte.

Die Erwachsene schaut auf eine fröhliche Jugend zurück: "Aber leider schwang auch Angst mit. Vor der Synagoge stand immer ein Polizeiwagen. Die Polizei bewachte uns während des Gottesdienstes. In der jüdischen Schule gab es Sicherheitsmänner, Fenster aus Panzerglas, Überwachungskameras und Sicherheitsschleusen." Nach dem Abitur verbrachte sie einige Zeit in Israel in zwei Kibbuzen. Der erste Kibbuz wirkte auf die junge Erwachsene eintönig und anstrengend, in einem anderen Kibbuz fühlte sie sich wohl. "Dort hatte ich die Zeit meines Lebens, lernte Familien kennen und besuchte abends die Sprachschule." Aufgrund von zahlreichen Attentaten baten ihre Eltern sie jedoch, rasch wieder nach Hause zurückzukehren.

Wieder in Deutsch­land begann Ilana Bender ihr Studium für das Lehramt. Sie war bei der Sache: "Die Partnersuche war im Studium kein Thema." Doch vier Wochen vor dem zweiten Staatsexamen lernte sie über das Internet ihren zukünftigen Mann Dietmar kennen. Er ist in Rumänien geboren und kam mit sieben Jahren nach Deutschland. Als Christ stand er der jüdischen Religion seiner Partnerin offen gegenüber. Aber als sie heiraten wollten, war das für die Jüdin und den Christen nicht so einfach: Wo und wie? Es wurde eine "freie" Trauung mit einem Trauredner in einem Hotel in Frankfurt – ein Fest der Liebe.

Als sich das Paar ein Kind wünschte, bat Ilana Bender einen Rabbi um den Segen. Neun Monate später kam ihr Sohn David zur Welt. Sie war schon schwanger gewesen, ohne es zu wissen. Heute lebt die Familie in Hirschberg. Ilana Bender liebt ihren Beruf als Lehrerin: "Dabei spielt mein Glaube keine Rolle." Seit 2014 unterrichtet sie an der Strahlenberger Grundschule in Schriesheim: "Ich liebe Schriesheim und alles rund um den Mathaisemarkt. In Schriesheim ist immer viel los." Um das Bild abzurunden: Sie singt im Liederkranz Schriesheim mit, ist Geschäftsführerin im Sportverein KSV Schriesheim, Abteilungsleiterin für Turnen und Fitness im Sportverein SG Leutershausen und Beisitzerin bei der SPD Hirschberg. Nach ihrem Vortrag gab es viel Applaus. Krämer dankte: "Sehr mutig und beeindruckend."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung